Kinesiotapes: Was können die bunten Klebstreifen?

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Viele Millionen Deutsche treiben regelmäßig Sport – und das ist gut so. Dass es gelegentlich hier und da einmal zwickt, die Wade "zumacht" oder ein Muskel überstrapaziert wird und streikt, wissen viele Profiathleten, aber auch Hobbysportler aus eigener Erfahrung. Als eine Option, Verspannungen, Muskelschmerzen oder Schwellungen schnell in den Griff zu bekommen, haben sich in den vergangenen Jahren elastische, farbige Bänder aus Baumwolle durchgesetzt, die auf die entsprechenden Stellen geklebt werden. Kinesiotapes. In vielen Physiotherapie-Praxen, aber auch privat, wird mittlerweile geklebt, was die Rollen hergeben. Doch was wird da eigentlich genau auf die Waden, den Rücken oder in den Nacken geklebt und bringt das wirklich etwas?

Gemeinsam mit Kristina Jago, Physiotherapeutin und Master of Science Klinische Sportphysiologie und Sporttherapie, geben wir im folgenden Artikel einen Überblick zum Thema Kinesiotape und klären die wichtigsten Fragen.

Was ist ein Kinesiotape?

Kinesiotapes sind dehnbare, mit Acrylkleber beschichtete Baumwollbänder, die auf Rollen aufgewickelt werden. Klassischerweise sind die Tapes fünf Zentimeter breit, jeweils fünf Meter lang und werden vor dem Kleben auf die gewünschte Länge zurechtgeschnitten. Sie sind in verschiedenen Farben, aber auch mit Mustern bedruckt erhältlich. Zur Bedeutung der Farben später mehr. Die Tapes sind in der Regel wasserfest, können also auch beim Baden und Duschen getragen werden. Nach Deutschland kamen die Kinesiotapes Ende der 1990er Jahre. Entwickelt wurden sie bereits in den 1970er Jahren in Japan, vermutlich inspiriert von der kinesiologischen Bewegungslehre. 

Wofür werden Kinesiotapes angewendet?

Angewendet werden Kinesiotapes vor allem im Sport, aber auch im Alltag. Sportler nutzen die bunten Bänder als Schmerztape – beispielsweise bei Zerrungen. "Außerdem werden die Tapes geklebt, damit die Muskulatur weniger schnell ermüdet", erklärt Kristina Jago. Ein weiteres Ziel sei, dass bestimmte Muskeln besser durchblutet werden. Marathonläufer greifen aus diesen beiden Gründen gern zu Kinesiotapes und platzieren sie mit Vorliebe entlang der Wadenmuskulatur. Dazu sollen die Tapes den berüchtigten Muskelkater danach etwas abschwächen. Im Alltag gelten die Kinesiotapes hauptsächlich als Wunderwaffe gegen muskuläre Verspannungen oder Verletzungen und werden häufig am Rücken, im Lendenwirbelbereich und im Nacken geklebt.

Was können Kinesiotapes bewirken?

Eines vorweg: Es gibt aktuell keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Kinesiotapes Muskelverspannungen lösen, Schmerzen lindern oder die Durchblutung bestimmter Muskeln positiv beeinflussen. In Vergleichsstudien konnten Sportwissenschaftler bis heute nicht nachweisen, dass die farbigen Tapes eine signifikant bessere Wirkung erzielen als andere Strukturbänder, Pflaster oder ähnliches. Spannend: Der subjektive Eindruck ist häufig ein anderer. Auch deshalb erfreuen sich Kinesiotapes im Amateursport, aber auch im Alltag seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit. Doch woher kommt die Kluft zwischen Wissenschaft und subjektiver Wahrnehmung?

Das Erfolgsgeheimnis von Kinesiotapes hat eine psychologische Komponente. Und zwar unabhängig davon, aus welchem Grund es überhaupt geklebt wird. Ein Beispiel: Eine Läuferin oder ein Läufer verspürt an einer bestimmten Stelle Schmerzen und möchte das Kinesiotape als Schmerztape einsetzen. In diesem Fall sollte das Tape als Kreuz auf den Schmerzpunkt geklebt werden, wo es genau zwei Aufgaben hat. Erstens: die Struktur der Muskulatur an dieser Stelle entlasten; Und zweitens: den Fokus und die Konzentration auf exakt diese Stelle lenken. Und genau das ist der entscheidende Punkt.

Was bewirken Kinesiotapes wirklich?

Kinesiotapes bewirken, dass der Fokus und die Konzentration des "Patienten" auf den beklebten Schmerzpunkt oder Muskel gelenkt und damit das Verhalten beeinflusst wird. Das kann dazu führen, dass sich die Beschwerden verbessern. Mit anderen Worten: Nicht das Tape selbst bewirkt etwas. Es erinnert lediglich daran, sich auf den Schmerzpunkt zu konzentrieren, den Muskel aktiv zu entspannen oder stärker einzusetzen. 

Beispiel 1: Brust- oder Lendenwirbelsäule 

Ein hier richtig aufgeklebtes Kinesiotape erinnert an die aufrechte Haltung, die im Alltag gern vergessen wird. Durch die erhöhte Muskelaktivität können so unter Umständen Rückenschmerzen gelindert werden. Die Wärme, die unter dem Baumwollband entsteht, entspannt zusätzlich.

Beispiel 2: Knie

Bei Menschen, die unterschiedlich stark ausgeprägte Beinmuskulatur an der Innen- und Außenseite oder Vorder- und Rückseite des Oberschenkels haben, gleitet die Kniescheibe manchmal nicht problemlos. Das führt auf Dauer zu Schmerzen im Kniegelenk. Klebt man nun ein Kinesiotape rund um die Kniescheibe, erinnert es daran, den schwächeren Muskel stärker einzusetzen. Dazu spürt man auf der Haut, dass der Zug des Tapes ein bisschen nach innen geht und aktiviert beispielsweise die innere Muskulatur etwas besser. Auch hier hängt der Erfolg vermutlich eher damit zusammen, dass man sich darauf konzentriert. 

Beispiel 3: Nacken

Ein auf die verspannte Nackenmuskulatur geklebtes Kinesiotape erinnert permanent daran, diesen Muskel gezielt und aktiv zu entspannen. Im Grunde fungiert es also als eine Art Erinnerungspflaster.

Beispiel 4: Starke Schwellung (z.B. Lymphödem)

Hier wird das Kinesiotape in fünf schmale Streifen geschnitten, die mit einem Abstand von jeweils einem Zentimeter in Richtung des Lymphabflusses geklebt werden. An den beklebten Stellen funktioniert der Abfluss nachweislich besser. Ob der gleiche Effekt auch mit normalem Klebeband erzielt werden kann, ist offen. 

Kinesiotapes: Welche Bedeutung haben die Farben?

Kinesiotapes werden mittlerweile in vielen verschiedenen Farben angeboten. Neben den klassischen Rollen in Blau und Pink werden Tapes in Schwarz, Grün und Orange angeboten. Selbst Muster wie Camouflage oder Tapes im Pünktchen-Design sind erhältlich. Auch dazu kursieren viele Vermutungen und Halbwahrheiten. Wirken Tapes in einer bestimmten Farbe nur an einer bestimmten Körperregion? Hat Blau einen kühlenden Effekt, Rot eher einen wärmenden? Wissenschaftlichen Belege gibt es auch dafür aktuell nicht. "Meines Wissens nach sind die Tapes in ihrer Struktur alle gleich", sagt Physiotherapeutin Kristina Jago "Dass es beim Kleben gar keinen Unterschied macht, würde ich trotzdem nicht sagen. Der Körper reagiert auf Farben, daran kann man glauben oder nicht, und die Farbpsychologie spielt beim Thema Kinesiotapes mit Sicherheit eine Rolle." Mit dem Tape selbst habe das aber überhaupt nichts zu tun, so Jago weiter. Mit anderen Worten: Egal ob Gelb, Rot, gepunktet oder gestreift: Die Bänder bestehen aus elastischer Baumwolle und sind mit Acryl-Kleber beschichtet.

Kann man Kinesiotapes selbst kleben?

Grundsätzlich kann man beim Kleben von Kinesiotapes keine Fehler und schon gar nichts kaputt machen. Vorsicht ist allerdings bei diagnostizierten Muskelverletzungen, wie beispielsweise Zerrungen, geboten. "In einem solchen Fall ist es wichtig, die Muskelstrukturen zu kennen", erklärt Kristina Jago. Der Muskel sollte erst im Verlauf und dann zusätzlich quer getapt werden, um ihn sinnvoll zu unterstützen. "Klebt man das Tape einfach auf den Schmerzpunkt, geht der Fokus nicht auf den gesamten Muskel, sondern nur auf diese Stelle, wo der Schmerz vielleicht gar nicht entstanden ist. Die Ursache einer Wadenzerrung kann zum Beispiel auch im Oberschenkel liegen", erklärt die Physiotherapeutin und ambitionierte Läuferin. Wichtig: Wer Kinesiotapes als Schmerztape einsetzen möchte, sollte sich im Zweifel fachkundigen Rat einholen. Geht es darum, Muskelverspannungen zu lösen, genügt es häufig, die mitgelieferte Klebeanleitung zu studieren und entsprechend zu befolgen.

Tipp: Vor dem Kleben sollte die Haut unter dem Tape rasiert und nicht eingecremt werden. 

Kinesiotapes entfernen: Das ist wichtig

Eine Philosophie des Kinesiotapes ist: So lange es klebt, braucht man es. "Wenn das Tape noch gut klebt, sollte es nicht einfach abgerissen werden", rät Kristina Jago. Das könne schmerzhafte Wunden hinterlassen. Wer es dennoch schon eher loswerden will, feuchtet das Kinesiotape am besten mit etwas warmem Wasser an und löst es langsam von der Haut. Kinesiotapes können bis zu drei Wochen halten, andere lösen sich schon nach einer Stunde wieder. Tipp: Um das Ablösen so schmerzfrei wie möglich über die Bühne zu bringen, sollte die betreffende Stelle vor dem Kleben rasiert werden.

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