Gezielte Gehirn-Manipulation könnte Depressionen und Spielsucht heilen

Gezielte Gehirn-Manipulation könnte Depressionen und Spielsucht heilen

Risiko oder Sicherheit? Bei psychischen Erkrankungen ist diese Wahl gestört

Wählen wir bei einer Handlung ein sicheres oder ein risikoreiches Vorgehen? Diese Entscheidung wägen wir täglich mehrfach ab. Dabei verspricht risikoreiches Handeln oft größere Vorteile, aber birgt auch mehr Gefahren, dass die Handlung nicht das gewünschte Ergebnis erzielt. Ein sicheres Vorgehen ist in der Regel mit weniger Gefahren verbunden, aber häufig auch mit mehr Aufwand oder weniger Vorteilen. Bei bestimmten psychischen Erkrankungen wie Depression oder Impulskontrollstörungen wie Spielsucht wird diese Wahl manipuliert. Forschende haben nun einen möglichen Weg gefunden, durch gezielte Gegenmanipulation die Entscheidungen wieder ins richtige Verhältnis zu rücken.

Neurologen der MedUni Wien sowie der NYU School of Medicine haben gemeinsam entdeckt, wie sich anhand von Gehirnaktivitäten feststellen lässt, ob ein Individuum als nächstes eine riskante oder sichere Aktion ausführen wird. Im Tiermodell konnten die Forschenden zeigen, dass man durch die Stimulation bestimmter Nervenzellen diese Entscheidung verändern kann. Die Forschungsergebnisse präsentierte das Team kürzlich in dem Fachjournal „Neuron“.

Was haben Spielsucht und Depression gemeinsam?

Wie die Forschenden berichten, ist sowohl bei einer Depression als auch bei einer vorliegenden Spielsucht die freie Entscheidung zwischen riskantem und sicherem Handeln gestört. Den Betroffenen falle es sehr schwer, an dieser Situation selbst etwas zu ändern. Depressive Personen neigen zu einem überzogenen Sicherheitsbedürfnis. „Selbst morgens aus der Sicherheit des Bettes zu kommen, wird zu einer oft unüberbrückbaren Herausforderung“, erklärt Studienautor Johannes Passecker in einer Pressemitteilung zu den Studienergebnissen.

Spielsüchtige neigen zu chronischer Risikobereitschaft

Bei Spielsüchtigen verhalte es sich dagegen genau umgekehrt. Laut Passecker verharren die Betroffenen im gleichen Denkmuster und sind somit nicht mehr in der Lage, die möglichen Verluste und Folgen ihres risikobereiten Handelns richtig einzuschätzen. Das rechtzeitige Umschalten auf die Sicherheitsvariante sei bei diesen Personen gestört.

Ablauf der Studie

Seine Forschungen testete das Studienteam an Ratten. In einer Versuchsreihe hatten die Tiere eine Wahl zwischen einer sicheren und einer riskanten Variante. Bei der sicheren Variante erhielten die Tiere in jedem Fall eine kleine Menge Futter. Bei der riskanten Variante konnten die Nager die vierfache Menge an Futter ergattern oder völlig leer ausgehen. Diese Verhältnisse wurden mehrfach während der Versuche geändert. Mit der Zeit entwickelten die Tiere eine Strategien zwischen Risiko und Sicherheit, die ihnen eine möglichst hohe Ausbeute erlaubte. Während des gesamten Experiments wurden die Hirnströme der Ratten aufgezeichnet und analysiert.

Risiko oder Sicherheit anhand von Hirnströmen erkennen

Anhand der neuronalen Aktivität in einer bestimmten Gehirnregion, dem sogenannten präfrontalen Cortex, konnten die Forschenden voraussagen, ob sich die Ratte für ein sicheres oder riskantes Vorgehen entscheiden wird. Jedes mal, wenn die Aktivität der Nervenzellen in dieser Hirnregion stark anstieg, entschieden sich die Nager für den sicheren Weg. Blieb die Aktivität niedrig, wurde die Risiko-Variante gewählt.

Wie Ratten sich zu mehr Risiko animieren lassen

In weiteren Versuchen gelang es dem Forschungsteam das Gehirn der Nager so zu stimulieren, dass sie die riskante Variante wählten. Dazu brachten sie künstliche Proteine in das Rattenhirn ein, die dann mithilfe eines Lasers aktiviert werden konnten. Wenn diese Proteine aktiviert wurden, unterdrückten sie die Aktivität des präfrontalen Cortex. „In Folge gingen die Ratten immer volles Risiko ein und ignorierten selbst anhaltenden Misserfolg“, schreiben die Forschenden.

Neue Behandlungsoption für psychische Erkrankungen?

Das Ziel der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist es, die Pfade und Zelltypen im Gehirn zu identifizieren, die für eine Änderung oder für das Beibehalten des Verhaltens verantwortlich sind. Auch sollte besser entschlüsselt werden, wie die unterschiedlichen Hirnregionen die relevanten Aspekte zusammentragen, die letztendlich zu einer Entscheidung führen. „Dadurch könnte es künftig möglich sein, Erkrankungen wie Spielsucht, aber auch Depression besser zu verstehen und besser zu therapieren“, resümieren die Gehirnexperten.

Gehirnforschung macht Fortschritte

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